Es ist HIV – Die Zeit Online Serie

So – um jetzt mal alle auf einmal zu haben, hier ein Link zu der Zeit Online Serie die ganz schön interessante Reaktionen hervorgerufen hat. So soll es sein!

http://www.zeit.de/serie/es-ist-hiv

DEZEMBER 2017
4 Teilige Serie geschrieben mit Luisa Jacobs

TEIL I

SAG ICH ES IHR?

Erste Dates laufen selten so gut wie dieses. Ich mache unbeholfene Witze und sie kann darüber lachen. Wir teilen Tapas und müssen uns nur in die Augen gucken, um zu wissen, wie der Abend weitergeht: Wir bezahlen die Rechnung, treten nach draußen in den kühlen Sommerabend, küssen uns und können nicht aufhören, uns zu berühren wie zwei Teenager, die diese Aufregung zum ersten Mal erleben. Ich spüre: offenes Haar in meinen Händen, ihren Lippenstift auf unserem dämlichen Grinsen.

Alles läuft, wie es laufen soll. Wie bei allen Dates, von denen man sich wünscht, dass sie niemals enden, muss jetzt die eine Frage kommen: Zu ihr oder zu mir?

Für mich ist das der Zeitpunkt für eine andere Frage: Sag ich es ihr?

Es, das ist das Virus, das sich vor gut vier Jahren in meinem Körper eingenistet hat. Das Humane Immundefizienz-Virus, kurz HI-Virus, von dem ich seit der Diagnose am 2. Januar 2014 weiß.

Ich bin positiv.

Ich bin auch: 35 Jahre alt, Single, gerade ziemlich angetrunken und stehe vor dieser schönen Frau, mit der ich gern nach Hause gehen würde.

Wenn ich es jetzt sage, sehe ich dieses Gesicht so zum letzten Mal.

Ich lasse von ihr ab, atme schwer. Lege ihre Hand in meine. Wie oft habe ich diesen Moment erlebt: Unzählige Dates hatte ich seit diesem Tag im Januar vor vier Jahren und nie wieder waren die Dates so wie davor. Ich präge mir ihr Gesicht ein, ihren Ausdruck. Darin liegt Ausgelassenheit und vorfreudige Erwartung. Wenn ich es jetzt sage, sehe ich dieses Gesicht so zum letzten Mal.

In meinem Kopf spielt sich die Diskussion ab, die ich schon Tausende Mal geführt habe. Mit mir selbst und mit Freunden.

Rechtlich ist die Lage klar: Es gibt in Deutschland keine Pflicht, seinen Sexualpartnern von einer HIV-Infektion zu erzählen. Eine Verpflichtung, den anderen zu schützen, gibt es schon. Jemanden anderen gar bewusst anzustecken, wäre Körperverletzung. Seit dem Fall um die ehemalige NoAngels-Sängerin Nadja Benaissa, die wissentlich einen ihrer Partner ansteckte, weiß nicht nur die Boulevardpresse darüber Bescheid.

Bei mir ist es anders. Denn ich übernehme die Verantwortung für meinen Virus. Jeden Tag schlucke ich Pillen, gehe zum Arzt, lasse Blutwerte kontrollieren und halte das Virus klein. So klein, dass ich es gar nicht weitergeben kann.

Meiner Bekanntschaft zu verheimlichen, dass ich HIV-positiv bin, ist nicht unverantwortlich und auch nicht strafbar. Aber es ist unfair. Denn wenn sie von meinem Virus wüsste, würde sie vielleicht eine andere Entscheidung treffen. Sie würde nicht weiter mit mir rumknutschen. Sie würde nicht mit mir nach Hause gehen. Und sie würde nicht mit mir schlafen. Auch nicht mit Kondom.

Weil sie überfordert wäre mit dieser Information. Weil sie erst mal darüber nachdenken müsste. Weil sie plötzlich Angst hätte, vor mir und dem Virus. Eine Angst, die sie nicht haben müsste. Aber reicht es, wenn ich das weiß und für sie entscheide? Hätte ich das gewollt – früher, als ich noch nicht infiziert war?

Wahr ist auch: Sollte aus diesem einen Date mehr werden, müsste ich ihr es ja doch irgendwann sagen. Will ich gleich am ersten Abend das Vertrauen einer Person verschenken, die mir noch wichtig werden könnte?

Ich spiele durch, was passieren würde, wenn ich es ihr sage: Mein Kiefer würde verkrampfen, meine Hände feucht werden, mein Blick würde ihrem ausweichen, denn er würde schon zu viel verraten, bevor ich überhaupt den Mund öffnen könnte. “Es gibt da etwas, das ich dir sagen muss.”

Sie würde mich neugierig ansehen: Vielleicht eine Einladung zu mir? Vielleicht ein Kompliment? Ein Geheimnis? “Ja?”, würde sie fragen und die Augenbrauen spielerisch nach oben ziehen, so wie sie es eben im Kerzenlicht der Tapasbar noch getan hatte.

“Fuck … okay, hmmm …” Ich würde stottern. Auch nach dem hundertsten Mal wird es nicht leichter, es auszusprechen. “Ich denke, du solltest wissen, dass ich HIV-positiv bin.”

Mein Blick würde auf ihrem Gesicht ruhen, um ihre Reaktion zu sehen. In den letzten Jahren bin ich Profi darin geworden, Blicke zu deuten. Es war schon zu oft so. Zu oft musste ich die panischen Augen, den angehaltenen Atem und die Stille ertragen, wenn ich es meinen Freunden erzählt habe, meiner Familie, anderen Dates. Immer wurde ich zum Botschafter einer Nachricht, die mehr Fragen stellte, als sie beantwortete.

Die Anziehung, die uns jetzt noch aneinander bindet, würde einer Schockstarre weichen. Ihr würden die Worte fehlen, aber ich könnte ihre Gedanken erraten: HIV. AIDS. Fuck. Er? Woher? Was bedeutet das? Ist das über Speichel übertragbar? Sex? Reicht schon eine Berührung? Der Kuss eben? War das schon zu viel?

Es sind immer die gleichen Fragen. Fragen, die ich mir nach meiner Diagnose auch stellte. Fragen voller Angst, befeuert von Halbwissen und Vorurteilen. Halbwissen, das irgendwo zwischen der Aids-Epidemie der Achtzigerjahre und den gut gemeinten Kampagnen hängen geblieben ist: HIV haben doch nur Männer, die mit Männern schlafen? Oder Junkies? Ist er schwul? Nimmt er Drogen? Kann man daran noch sterben? Er sieht doch gar nicht krank aus.

Es sind Fragen, die niemand stellt, weil jeder glaubt, die Antworten kennen zu müssen, weil sie einen peinlich berühren.

Ich könnte ihr dann erzählen, dass ich nicht ansteckend bin. Dass ich sogar sicherer bin als die meisten anderen: Weil ich alle drei Monate auf sexuell übertragbare Krankheiten getestet werde und meine Viruslast unterhalb der Nachweisgrenze liegt. Ich könnte ihr sagen, dass ich sogar Kinder bekommen kann. Wie normal mein Leben eigentlich ist.

Aber das würde dann nichts mehr nützen. Fakten haben dann keinen Platz mehr. Die Emotionen übernehmen. Die Angst vor dem Virus und die Unwissenheit darüber, was es eigentlich macht und bedeutet, lähmt. Unsere gemeinsame Zukunft und sei es nur die der nächsten Stunden, die noch vor wenigen Minuten so greifbar schien, würde verpuffen.

Wir würden uns verabschieden und im Dunkel der kühlen Sommernacht nach Hause laufen. Jeder für sich. Vielleicht würde sie mir ein paar Tage später auf Facebook schreiben: “Danke für dein Vertrauen. Sag Bescheid, wenn ich etwas für dich tun kann.” Eine Nachricht, die trieft vor schlechtem Gewissen. Und vor Mitleid.

Aber ich will kein Mitleid. Ich will nicht anders behandelt werden. Ich will nicht, dass Leute Angst vor mir haben, obwohl sie keine haben müssten. Ich will jetzt nur diese Frau küssen.

Also schweige ich. Küsse sie. Wir gehen zu mir.

TEIL II

WERDE ICH STERBEN?

Die Nachricht vom Ende meines Lebens erreichte mich am 2. Januar 2014, in einem protzigen Ashram in Westindien.

Für eine aufwändige Recherche zu Menschenhandel in Indien hatte ich als Fotograf eine Razzia der Polizei im indischen Rotlichtviertel Mumbais begleitet. Ich war erschöpft von der Gewalt, der Luft und den Menschen und brauchte eine Pause. Also beschloss ich, in das ein paar Stunden entfernte Osho Ashram zu reisen, das westliche Meditationsideen mit sexuellen Anspielungen vermischt und zu überteuerten Preisen an reiche Westler verkauft. Alle redeten davon, ich wollte mir selbst ein Bild machen – und hasste es schon, bevor ich richtig drin war. In weinrote Roben umhüllte Yogis wandelten ins Nichts starrend durch die Marmorgänge.

Wäre da nicht die schöne Frau mit den rehbraunen Augen gewesen, ich wäre noch abgehauen, bevor mir überhaupt jemand die Ergebnisse des obligatorischen HIV-Tests hätte mitteilen können.

Sich testen zu lassen, war nicht neu für mich: Mein Vater war Arzt und so habe ich lange Zeit bei einer jährlichen Blutabnahme auch immer einen HIV-Tests gemacht. Als mein Vater starb, habe ich es irgendwann einfach sein gelassen. Ich gehörte keiner Risikogruppe an, HIV schien so weit weg von mir.

So war es auch dieses Mal, als ich aus dem Behandlungszimmer trat: HIV weit weg, die wunderschöne, persische Frau, langes glattes Haar, zuständig für die Registrierung der Gäste, ganz nah. An ihr wirkte die weinrote Robe nicht ganz so bescheuert.

Ich liebte dieses Spiel, war süchtig danach, Frauen kennenzulernen: Von 19-jährigen Models über 50-jährige Galeriebesitzerinnen – Frauen faszinieren mich. Die Flirts gehörten genauso zu meinen Reisen wie der Adrenalinkick bei Aufnahmen auf dem Straßenstrich oder in Leprakrankenhäusern. Ich gefiel mir in diesem Leben, hatte das Gefühl, es geschafft zu haben: der unabhängige Fotograf, der als Reporter um die Welt reiste, von einer Stadt zur nächsten, zur nächsten Bar, zur nächsten Frau. Seit meiner ersten Reise kurz nach dem Abitur hatte ich von diesem Leben geträumt.

Der Flirt am Empfang fiel mir leicht: Ich stellte mich mit Absicht doof bei der Registrierung an, sodass sie zu mir an den Tisch kam, um mir zu helfen. Als sie sich näher an den Bildschirm beugte, unsere Körper berührten sich fast, platzte eine ältere Frau dazwischen:

“Entschuldigung, sind Sie Philipp?”

“Ja, ja, das bin ich”, sagte ich genervt darüber, dass unser schöner Moment so rüde unterbrochen wurde.

“Es gab ein Durcheinander mit Ihrem Test. Würden Sie bitte noch einmal mit mir kommen?”

“Klar”, antwortete ich, folgte der Dame in ihr gläsernes Beratungszimmer und warf dem Mädchen einen spielerisch genervten Blick zu. Es sollte das letzte Mal gewesen sein, dass ich diese ungezwungene Vorfreude darauf, wie aus einem flüchtigen Flirt mehr werden könnte, spürte.

“Ihr Test kam zweimal positiv zurück.” Der dicke holländischen Akzent, mit dem die Frau mir meine Diagnose offenbarte, klingt noch heute in meinen Ohren. Danach nahm ich nur noch dumpfe Geräusche wahr, die ihre Stimme sein mussten: Es fühlte sich an, als würde sich mein Körper bis zum Kopf mit Wasser füllen und ich innerlich ertrinken.

Nach außen presste ich ein verkrampftes Lächeln hervor und sagte Dinge, die unaufgeregt klingen sollten: Ja, dann müsse man wohl mal abwarten, was weitere Tests ergeben. Dass es mir gut gehe. Dass ich jetzt erst mal ein bisschen recherchieren würde.

Ich redete, als ginge es nicht um mich, nicht um meinen Körper, nicht um mein Leben.

In 24 Stunden solle ich zurückkommen, dann könne man definitiv sagen, ob ich wirklich mit hundertprozentiger Sicherheit infiziert sei. 24 Stunden, in denen ich zu 98,5 Prozent HIV-positiv war, die Genauigkeit, mit der ein so genannter Elisa-Suchtest eine Infektion feststellt. Was die Frau in ihrer roten Robe mir noch alles über den Elisa-Test sagte, weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich ganz genau an ihren Blick, als sie mich aus dem Glasbüro begleitete. Ein Blick der sagt: Es tut mir leid; du tust mir leid. Dieser mitleidige Blick, den ich an diesen Nachmittag zum ersten Mal sah, lässt mich seit diesem Tag nicht mehr los.

Zurück im Hotel überschlugen sich meine Gedanken. Die 1,5 Prozent Hoffnung, die mir blieben, wurden immer wieder unterbrochen von einem Gedanken, der alles dominierte:

Ich will nicht sterben.
Ich will nicht sterben.
Ich will nicht sterben.

Werde ich sterben? Werde ich Schmerzen haben? Werde ich noch reisen können? Fotografieren? Kann ich Kinder bekommen? Wie erzähle ich das meiner Familie? Meinen Freunden? Was werden sie denken? Werden sie mich noch lieben können? Werden sie mich verurteilen? Werde ich mich verändern? Wird man mir ansehen, dass ich positiv bin? Kann ich es verheimlichen? Habe ich jemanden infiziert? Wie fragt man danach? Woher zur Hölle habe ich es? Warum ich?

Mit jedem Zeitungsartikel über HIV und jedem Infobeitrag der deutschen, österreichischen oder amerikanischen Aids-Hilfe, den ich las, wuchs meine Gewissheit.

Die heftige Grippe im November, das musste die Phase gewesen sein, in der sich die HI-Viren explosionsartig in meinem Körper ausgebreitet hatten. Mehrere Millionen Viren hatte ich zu dem Zeitpunkt in jedem Milliliter Blut gehabt, Antikörper bilden sich erst später. Kein Wunder, dass ich mich damals wie im Delirium gefühlt hatte. Diese Gliederschmerzen, wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte, das angeschwollene Zahnfleisch, der trockene Husten, der mich wochenlang nicht losgelassen hatte und den ich auf die staubige Luft Mumbais geschoben hatte. Ich hatte mich sterbenskrank gefühlt, damals im November. Jetzt wusste ich, dass ich es auch gewesen war. Beinahe spürte ich so etwas wie Erleichterung darüber, dass es nun eine Erklärung für meinen Zustand gab.

Wie bei einer Nahtoderfahrung sah ich mein Leben im Schnelldurchlauf vor meinen Augen vorbeiziehen: die Kindheit in Wien, das Studium, Barcelona, Buenos Aires, New York. Die Razzia in Mumbai. All die Städte, Frauen, Abenteuer. Vorbei. Nichts würde mehr so werden können, wie es war.

Aber mit der Gewissheit kam auch die Ruhe. Ich las, dass meine Lebenserwartung bei 73 Jahren lag. Dass ich Kinder zeugen können würde. Dass ich mit der Medikation niemanden anstecken würde. Dass ich Sex haben können würde. Dass ich fotografieren, reisen und lieben können würde.

Noch in dieser Nacht, bevor ich die offizielle Diagnose bekam, wusste ich mit Sicherheit: Ich bin positiv.

TEIL III

ICH HATTE DOCH MIT KONDOM VERHÜTET

Nach dem Schock kam die Schlaflosigkeit. Vor wenigen Stunden hatte ich in einem indischen Ashram erfahren, dass ich HIV-positiv bin und wollte nur eines nicht: nach Hause. Stattdessen checkte ich in ein billiges Hotel in Mumbai ein. Auf ein paar Tage, selbst Wochen kam es nicht an, versicherten mir die Berater der AIDS-Hilfe, mit denen ich jetzt in täglichem Kontakt stand. Ich fürchtete mich, zurück nach Hause zu gehen: Mit dem Ende dieser Reise endete auch mein Leben, wie ich es bisher kannte. Erst dort würde die Nachricht meiner Infektion Realität werden.

Vor allem aber musste ich, bevor ich mich um das Virus kümmern konnte, zwei Fragen klären, die mir den Schlaf raubten: Habe ich jemanden angesteckt? Und wer hat mich angesteckt?

Die Ärzte hatten mir gesagt, seit wann das Virus sich in meinem Körper ausgebreitet hat. Den Zeitraum, in dem ich ansteckend war und angesteckt wurde, konnte ich auf ein paar Monate begrenzen. Vier Frauen hatte es in dieser Zeit gegeben. Vier Frauen, mit denen ich geschlafen hatte. Vier Frauen, bei denen ich mit Kondom verhütet hatte. Kondome, die ultimativen Sicherheitsgaranten. Dachte ich zumindest. Und trotzdem: Eine der vier Frauen musste mir – höchstwahrscheinlich – das Virus gegeben haben. Also war auch nicht auszuschließen, dass ich eine von ihnen angesteckt hatte.

Weil es in meinem Hotelzimmer kein Internet gab und ich ohnehin nicht schlafen konnte, verbrachte ich meine Nächte in einem schäbigen Internetcafé. An der Decke rotierten die Ventilatoren, vor der Tür zogen hupende Autos vorbei und neben mir skypten indische Männer an alten Windows-Computern mit ihren Familien. Ich saß dazwischen und versuchte, die richtigen Worte zu finden. In meinem E-Mail-Postfach sammelten sich die Entwürfe.

Das ist die schwierigste E-Mail, die ich je geschrieben habe, je schreiben werde …
Es tut mir so unendlich leid, dich so zu informieren …
Ich wurde vor ein paar Tagen mit HIV diagnostiziert …
Es ist ganz wichtig, dass du dich testen lässt.
Ich ruf dich morgen an …

Ich versuchte, so sachlich wie möglich zu bleiben. Dazu kopierte ich die Öffnungszeiten der nächstgelegenen AIDS-Hilfe. Ich wollte, dass sie, wenn sie diese E-Mail lasen, sofort einen Test machen konnten und nicht eine Sekunde länger als nötig mit der quälenden Ungewissheit leben mussten.

Auch als ich hundertprozentig sicher war, dass ich keine besseren Worte mehr finden würde, um zu sagen, was ich sagen musste, schwebte mein Cursor noch minutenlang über dem Senden-Button. Wissend, dass diese E-Mail das Leben der anderen Person auf den Kopf stellen würde, und sei es nur für einige Stunden. Ich las die E-Mail wieder und wieder, bis ich es nicht mehr ertrug. Ich drückte ab.

Dann begann das Warten. Tagsüber streunte ich mit meiner Kamera durch Mumbais Slums, den Abend verbrachte ich Zigarette um Zigarette auf der Bordsteinkante vor dem Internetcafé ins Nichts starrend. Schlafen konnte ich ohnehin nicht. Ich hatte mir vorgenommen, mindestens 24 Stunden zu warten, bis ich wieder Kontakt aufnehmen würde.

Ich hatte es nicht geschafft, die Frauen anzurufen, um ihnen die Nachricht zu überbringen. Die Angst, das Wort HIV nicht über die Lippen zu bringen oder vor Nervosität anzufangen zu lachen oder zu weinen, war zu groß. Für den zweiten Kontakt zwang ich mich, anzurufen, und stieg in die knarzende Holzbox des Internetcafés, kaum größer als ein Sarg.

Das Telefon tutete, die Autos hupten und mein Herz klopfte. Erst als ich ihre Stimme hörte, wurde das laute Mumbai leise um mich herum.

“Negativ”, sagt sie.

“Sicher?”, ich konnte mein Glück nicht fassen.

Sie erzählte mir von ihren Tests, dem Beratungsgespräch. Wir versprachen, uns zu sehen, sobald ich wieder in Europa war.

Erleichterung. Zweimal wiederholte sich dieses Gespräch, zweimal die unbeschreibliche Erleichterung, zu wissen, dass diese Frauen ihr Leben weiterführen werden können. Vor Erleichterung musste ich heulen: Ich würde irgendwie damit leben können, aber jemand anderen angesteckt zu haben, hätte mich gebrochen. Wäre ich so leichtsinnig gewesen wie noch mit Anfang Zwanzig und hätte auf Kondome verzichtet, möglich, dass diese drei Leben nun anders aussähen.

Nur die vierte Frau erreichte ich nicht. Irgendwann schrieb sie mir eine wütende Nachricht: Was das solle? Wie ich ihr so etwas schreiben könne? Da ahnte ich schon, was sie bald in Erfahrung bringen würde.

Tage später verabredeten wir uns zum Skypen: Positiv. Mehrere Wochen bevor wir uns im September getroffen hatten, musste sie sich angesteckt haben. Statt Wut lag jetzt Hysterie und Trauer in ihrer Stimme: Sie hörte nicht auf, sich zu entschuldigen, ich sprach kaum, erinnerte mich an unsere gemeinsame Zeit – ein Wochenende in Madrid, in dem wir das Bett unserer Ferienwohnung kaum verließen. Auch wir benutzten jedes Mal Kondome, als wir miteinander schliefen. Doch weil sie ihre Tage hatte, war ihr Blut überall: an meinem Penis, auch in meinem Mund. Wie genau ich mich ansteckte, kann ich nicht sagen. Vielleicht hatte ich Risse in den Mundwinkeln, einen kleinen Schnitt an den Fingerkuppen. Ich weiß es nicht. Feststeht: Sie war zu diesem Zeitpunkt hoch infektiös, denn sie hatte sich selbst erst kurz zuvor angesteckt. Das Virus hatte es leicht. Obwohl wir ein Kondom beim Sex verwendeten.

Das war es also: Zwei kurze Tage im Spätsommer, die mein Leben veränderten. Ich spürte keine Wut, nicht auf sie, nicht auf mich. Nur Verwunderung darüber, wie wenig ich doch wusste über sexuelle Gesundheit, über die Gefahren. Wie wenig ich, Arztsohn und einigermaßen ordentlich gebildet, doch aufgeklärt war. Dachte, ich wüsste Bescheid, weil ich Kondome verwendete und wusste, dass Küssen und Händeschütteln ungefährlich sind.

Ich hätte gerne mehr mit ihr darüber gesprochen. Auch Wochen, Monate später schrieb ich ihr noch, wollte wissen, wie es ihr geht, und mich darüber austauschen, wie sie mit dem Virus lebt. Doch sie blockte ab. Seit diesem Skype-Gespräch vor knapp vier Jahren haben wir kaum miteinander gesprochen. Ich gab ihr nie die Schuld.

Doch die Vorstellung, welche Schuld ich verspüren würde, hätte ich einen anderen Menschen angesteckt, lässt mich ahnen, wie sie sich fühlen muss, wenn ich mich bei ihr melde. Deshalb schreibe auch ich ihr nicht mehr. Ich will es für sie nicht schwerer machen, als es ohnehin ist.

TEIL IV

ICH BIN MEHR ALS DAS VIRUS

Beim Zwiebelschneiden wurde mir zum ersten Mal klar, dass ich jetzt anders bin. Meine Diagnose lag drei Wochen zurück und ich musste mich um die nächsten Schritte kümmern: Arztbesuche, immer wieder Bluttests, psychologische Gespräche, Informationen über die medikamentöse Behandlung. Bislang nahm ich noch keine Medikamente, war ansteckend und mied soziale Kontakte so gut es ging, denn ich hatte noch kaum jemanden von meiner Infektion erzählt. Ich lebte so zurückgezogen, dass ich meinen Freunden langsam verdächtig vorkam. Sie fingen an Fragen zu stellen: Alles gut bei dir? Ist was mit deiner Familie?

Also ließ ich mich zum gemeinsamen Kochen überreden. Gulasch, Salat, Rotwein. Es war nett, eigentlich wie immer. Man sah mir ja nicht an, dass ich krank war. Ich hatte keine Flecken im Gesicht, nicht mal mehr Fieber, keine äußeren Zeichen, die warnten: Achtung, ich habe HIV und mir geht’s beschissen. Alles lief gut – bis mir ein Freund die Zwiebeln und ein scharfes Messer in die Hand drückte und fragte: Kannst du die schneiden?

Klar, log ich und starrte auf die blanke Schneide. Ich fing an zu zittern, war nicht in der Lage, die Klinge in die Zwiebel zu stoßen. Was wenn ich mich schnitt? Ich sah schon, wie sich die Zwiebel blutrot färbte. Die Vorstellung, mit meinem Blut das Essen zu vergiften, machte mich wahnsinnig. War ich jetzt eine Gefahr für meine Freunde? Sie wussten nicht, was mit mir los ist. Und ich hatte Angst vor ihrer Reaktion, wenn ich es ihnen erzählte. Die Angst mich zu outen war noch größer als mich zu schneiden. Also schnitt ich. Kein Blut, dafür Unbehagen den ganzen Abend: Ich fühlte mich so hilflos, krank und giftig. Wie ein Fremdkörper unter Vertrauten.

Noch mehr als unter Freunden litt ich bei der Arbeit: Ich interessierte mich kaum noch dafür, in welchem Licht ein Foto geschossen wurde, war schlapp und unsicher. Als Fotograf brauchst du ein großes Ego, du musst dich verkaufen können. Mein Ego hatte ich irgendwo zwischen Arztterminen, Therapiestunden und trockenen Hustenanfällen verloren.

Unter meinen Freunden schämte ich mich, hatte Angst sie zu gefährden oder mich zu entblößen. In die Fotografiewelt, in der alle sich immer geil fühlen und der mit dem größten Ego den Auftrag gewinnt, gehörte ich nicht mehr. Nur wo dann?

EinAids-Beraterriet mir, es mit einer Selbsthilfegruppe zu versuchen. Ich sei schließlich nicht allein damit. 12.300 infizierte Menschen leben in Österreich, 88.400 in Deutschland. Zehntausende Menschen mit demselben Schicksal, der gleichen Angst und Zweifeln. Ja, vielleicht würde mir das helfen?

Ein paar Tage später saß ich im Wartezimmer der Aids-Hilfe. Vor mir eine Wand mit Broschüren und Flyern, darauf: halbnackte, muskulöse Männer in Unterwäsche, manche beugten ihren Bizeps, lächelten mich motivierend an. Sie sahen stark und gesund aus – und schwul. In den Bizepsbroschüren: Infos über schwule Gesundheit, schwule Mentorenprogramme, schwule Selbsthilfegruppen. Schwul, schwul, schwul. Keine einzige Broschüre für Heteros. Keine einzige Broschüre, die zu mir sprach.

Eben war ich noch der privilegierte, weiße Mittelschichtskünstler, plötzlich war ich die Minderheit in der Minderheit: der positive Heteromann.

Zum Treffen der Selbsthilfegruppe ging ich trotzdem, irgendwo musste ich ja jetzt hingehören. “Wir treffen uns ganz zwanglos zum Kochen”, so erklärte es mir der Leiter am Anfang. Wieder kochen, diesmal Pasta, diesmal mit Fremden. Wenigstens musste ich mir hier beim Zwiebelschneiden keine Gedanken darüber machen, mit meinem Blut das Essen zu vergiften.

Ich wollte unbedingt zwanglos sein, versuchte ich selbst zu sein, aber brachte kein Wort heraus. Wie fängt man nur ein Gespräch an, wenn man nichts gemeinsam hat als dasselbe Virus: Na, wie lange bist du schon positiv? Beschissen, oder?

Ich sagte lieber nichts. Erst als mich jemand ansprach, erzählte ich von Indien. Von den Farben und Gerüchen. Urlaub geht immer, dachte ich. Und dann erzählte er von seinem Clubhotel auf Ibiza letztes Jahr. War total geil, all inclusive.

“Fuck. Was mache ich hier?”, dachte ich. Wer sind diese Menschen? Was soll ich mit denen?

Ich verließ das Gebäude der Selbsthilfegruppe noch viel deprimierter, als ich es betreten hatte. Uns vereinte wirklich nichts als das Virus.

Musste ich mich wirklich selbst darauf reduzieren, Träger des Virus zu sein? Sollte das Virus bestimmen, mit wem ich meine Zeit verbringe und mit wem nicht? War ich jetzt das Virus? Und nicht mehr Fotograf, Hetero, Bruder, Freund?

Es war in dieser Nacht, nachdem ich den anderen aus der Selbsthilfegruppe den Rücken gekehrt hatte, dass ich eine Entscheidung traf: Ich würde das Virus herausfordern. Es mochte meinen Körper zerstören, aber nicht meinen Geist, nicht meine Ideen und vor allem nicht meine Beziehungen.

Ich entschied, alles über dieses Virus, das nun in mir lebte, herauszufinden. Ich lernte, dass die Medikamente ein Schutzschild um meine Zellen bilden würden. Dass das Virus dann nicht mehr andocken kann und sich zurückzieht, wie ein Tier, das sein Beute nicht zu fassen kriegt. Ich lernte, dass es Lebensmittel gibt, die ich meiden sollte: Grapefruit liebe ich, sollte ich aber nicht essen – es begünstigt die Nebenwirkungen. Mit jedem kleinen Wissensbaustein über das Virus fühlte ich mich stärker.

Am 3. März 2014 begann ich mit der medizinischen Behandlung. Seit diesem Tag hatte ich endlich die Kraft, es meinen Freunden und meiner Familie zu erzählen. Selbst von meiner Angst vorm Zwiebelschneiden vor drei Jahren habe ich meinen Freunden erzählt: Die Wahrscheinlichkeit der Ansteckung wäre verschwindend gering gewesen, das weiß ich jetzt. Heute kann mein Blut  niemandem mehr etwas anhaben, durch die Medikamente liegt meine Viruslast unter der Nachweisgrenze.Das Virus ist ein Teil von mir. Aber ich bin nicht das Virus. Ich kann Bruder, Freund, Fotograf und positiv sein.

Vor ein paar Tagen, nachdem diese Serie erschienen war, schrieb mir eine Freundin eine Nachricht: Sorry, dass ich nie nach deinem Virus frage. Manchmal vergesse ich es einfach.

Das war das schönste Kompliment, das sie mir machen konnte.